„So wie du bist, bist du großartig“- MyU Talk mit Tarik Tesfu –

MyUrbanology: Lieber Tarik, danke dass wir Dich für MyUrbanology interviewen dürfen. Erzähl doch bitte mal denjenigen, die Dich nicht kennen, was es bedeutet, Content Creator zu sein?

Tarik Tesfu: Erst einmal ist es gar nicht so einfach eine passende Berufsbeschreibung für mich zu finden.

Weil das was ich mache ja nichts ist, was man studieren oder als Ausbildung machen kann. Außerdem bin ich Vieles gleichzeitig: Moderator, Host, Produzent, Redakteur, Netz-Kolumnist, ich gebe Workshops, moderiere politische Diskussionen und arbeite für Jäger & Sammler, ein journalistisches Online-Format. Und bei allem was ich tue versuche ich mich für eine bessere und gerechtere Welt einzusetzen. Also bin ich auch teilweise aktivistisch unterwegs. Ich persönlich finde es ziemlich nice, dass ich beruflich so viele Dinge gleichzeitig machen kann und der Begriff Content Creator beschreibt das sehr gut. Ich mache also Video-Content im Netz, vor und hinter der Kamera. Dabei ist mein Content immer gesellschaftskritisch und somit auch politisch. Meine eigene Meinung und Haltung spielt dabei eine wichtige Rolle und fließt immer in meine Arbeit mit ein.

Bei Jäger & Sammler ist das ein wenig anders, weil es sich eben um ein journalistisches Format handelt, ich die jeweiligen Folgen mit Journalist*innen gestalte und wir natürlich faktenbasiert an die Themen herangehen. Was nicht heißt, dass ich bei Jäger & Sammler nicht auch meine Meinung sagen kann und soll, nur muss eben klar sein, dass es sich dann um einen Kommentar von mir handelt.

Wie kamst Du dazu?

2015 habe ich mein eigenes Video-Format Tariks Genderkrise auf Facebook und YouTube gelauncht. In den Jahren davor hatte ich Medienwissenschaften und Gender Studies studiert und mir wurde damals schnell klar, dass ich gerne Video-Content zu den Themen Feminismus, Sexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen machen möchte.

Ich habe dann für mich entdeckt, dass ich gerne mit Humor und Witz an die Sache herangehen möchte. Nicht weil Rassismus so unfassbar witzig ist, sondern weil Witz und Humor für mich persönlich ganz gute Strategien sind, um mit dem Unsinn umzugehen.

Ende 2014 bin ich dann auf ein Förderprogramm für Netz-Projekte aufmerksam geworden, habe mich mit meinem Format Tariks Genderkrise beworben und bekam für ein halbes Jahr Budget um meine Videos zu produzieren. So fing die ganze Nummer an.

Du setzt Dich vor allem mit den Themen Sexismus, Rassismus und Homophobie auseinander. Was motiviert Dich dazu?

Zu Beginn war meine größte Motivation, dass es mich ziemlich gelangweilt hat, wenn Leute, die von beispielsweise Rassismus gar keine Ahnung hatten, in Talk-Shows als Expert*innen um die Ecke kamen und mir erklären wollten, wie ich mit Rassismus richtig umzugehen hätte. Mir hat einfach eine ordentliche Portion Diversität gefehlt und deswegen habe ich versucht, das selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist kein Geheimnis, dass gerade in den großen Medienhäusern in Deutschland viel zu wenig Menschen mit Migrationsgeschichte sitzen, was natürlich dazu führt, dass oft nur eine Perspektive widergespiegelt wird und ganz oft Rassismus und Sexismus reproduziert anstatt in Frage gestellt werden.

Gerade wenn es um Themen wie Sexismus, Rassismus und Homophobie geht und es ja das Ziel dieser Diskriminierungsformen ist, andere klein zu machen und sie von gesellschaftlicher Teilhabe fernzuhalten, ist es meiner Meinung nach umso wichtiger bei diesen Themen diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die von dem ganzen Mist auch betroffen sind. Irgendwie sehe ich es als meine Pflicht an, gerade bei den Themen Rassismus und Homophobie die Klappe aufzumachen und einen auf Momentchen-Mal-jetzt-rede-ich zu machen.

Dafür hätte ich nicht zwingend vor die Kamera gehen müssen, also spielt eine kleine Prise Rampensau bei meiner Arbeit auch eine Rolle.

Was sind die größten Hürden, die Du bisher auf Deinem Weg meistern durftest? Ende 2017 wurden ja zum Beispiel Deine Accounts gehackt und persönliche Dokumente ins Netz gestellt. Was hast Du daraus gelernt? 

Ich glaube die erste Zeit habe ich gar nicht geschnallt, wie gut alles läuft. Und ich glaube die größte Hürde war und bin immer noch ich selbst, weil ich eben super selbstkritisch bin, meine Arbeit und meinen vermeintlichen Nicht-Erfolg permanent in Frage stelle und dabei gar nicht bemerke, dass alles ziemlich gut läuft. Ich bin jetzt seit einiger Zeit komplett freiberuflich unterwegs und habe das große Privileg mir meine Jobs selbst aussuchen zu können, was natürlich großartig ist. Und dennoch zweifle ich – was zwar langsam besser wird, aber extrem harte Arbeit ist 😉 – und denke ganz oft darüber nach, alles hinzuschmeißen und vielleicht doch was „vernünftiges“ zu machen.

Und natürlich war der Hack Ende 2017 ein krasses Ereignis für mich. Auch da habe ich mich natürlich gefragt, ob ich weitermachen möchte, ob es das alles wert ist und ob ich der Dödel sein möchte, der so krass von irgendwelchen Leuten angegriffen wird, nur weil ich meine Meinung sage und keinen Bock auf Rassismus habe. Nach einiger Zeit war mir jedoch klar, dass ich auf jeden Fall weitermachen möchte. Das Wichtigste, was ich aus dem Hack gelernt habe: benutze Passwörter, die keinen Sinn ergeben und länger sind, als man sich das vorstellen kann.

Was macht für Dich ein gutes Vorbild aus? 

Ich glaube ein gutes Vorbild ist nicht abgehoben und vor allem nicht perfekt. Es bringt mir persönlich nichts, jemanden als mein Vorbild zu bezeichnen, wenn ich ganz genau weiß, dass ich niemals das erreichen könnte, was die Person erreicht hat. Ein Vorbild sollte andere empowern und einem das Gefühl vermitteln: So wie du bist, bist du großartig und noch viel mehr.

Was würdest Du gerade jungen Schwarzen Menschen mitgeben auf ihren Weg?

Nach meiner letzten Antwort natürlich: So wie du bist, bist du großartig und noch viel mehr. Und wenn euch jemand etwas anderes verklickern will, dann schickt sie oder ihn bitte zu mir.

Wie sieht Deine Vision für die Gesellschaft aus? 

Ich persönlich glaube nicht an eine Welt ohne Diskriminierungen. Mein Ziel besteht aber auf jeden Fall darin, den Mainstream für die Themen Rassismus, Sexismus, Homofeindlichkeit und all die anderen Diskriminierungsformen zu sensibilisieren. Und wenn der Mainstream dann schnallt, wie geil Feminismus ist, dann wäre schon ne ganze Menge erreicht.

Auf MyU wollen wir Angebote, Role Models und Services zeigen, die zu unserem way of Living passen und unseren Alltag bereichern, die uns als Schwarze Menschen stärken und verbinden. Wer oder Was findest du, darf auf unserer Plattform auf keinen Fall fehlen?

Ihr solltet definitiv ein Interview mit Beyoncé machen und sie dann bitte ganz lieb von mir grüßen. Falls das zu utopisch ist, vielleicht erst mal bei Hoe_Mies, Hengameh Yaghoobifarah und Svenja Gräfen anklopfen.

 

Tarik hat gerade eine Crowdfunding Aktion laufen, bei der er Organisationen, die Antirassismusarbeit leisten, mit finanziellem Support aus der Crowd unterstützt.

Hier erfährst du mehr über seine Kampagne.

Mehr über Tarik findest Du noch hier:

https://www.facebook.com/TarikTesfuDE/

https://www.youtube.com/channel/UCIGKcYN2EcVHqfJ9vvDBibg