Mo Asumang im Interview über ihre Kunst und Menschenliebe

Copyright: Gabi Gerster

“Wenn man sich für Integration und gegen Rassismus stark macht, ist man noch lange nicht heilig, sondern macht eigentlich das normalste der Welt.” Mo Asumang.

MyUrbanology: Hey liebe Mo Asumang, danke dass wir Dich und Deine Arbeit unserer Community vorstellen dürfen. Viele kennen Dich sicher als eine der ersten afrodeutschen Fernsehmoderatorinnen. In der Zwischenzeit ist jedoch viel passiert und Du hast Dich mit den unterschiedlichsten Projekten und in den unterschiedlichsten Rollen gegen Rassismus stark gemacht. Was hat Dich ursprünglich dazu bewogen diesen Weg einzuschlagen? Und woher nimmst Du die Kraft in diesem Thema Position zu beziehen?

Mo Asumang: Eine gute Frage, wie bin ich eigentlich dazu gekommen mich gegen Rassismus einzusetzen? Das fing alles mit einer Morddrohung an. Eine Morddrohung gegen mich. Mein Leben wurde damals bedroht. Darauf musste ich einfach reagieren. Die Morddrohung kam von der Band Weiße Arische Rebellen.

Um wieder ins Lot zu kommen, musste ich dringend etwas unternehmen, weil mich das einfach total aus meiner Mitte gerissen hatte. Und weil ich zudem überhaupt keine Lust hatte, mich fortan permanent mit so einem Quatsch beschäftigen zu müssen. Ich wollte einfach nur das Leben genießen, aber genau dafür musste ich erstmal etwas tun. 

Aktuell bist Du unter anderem als Filmkuratorin an der Ausstellung Rassismus – die Erfindung von Menschenrassen in Dresden beteiligt. Was genau ist Deine Rolle im Rahmen dieser Ausstellung?

Im Rahmen dieser Ausstellung arbeite ich sowohl als Kuratorin, als auch als Künstlerin. Es gibt dort im Ausstellungsraum Nummer 4 viele Filme zum Thema “die Erfindung der Menschenrasse” zu sehen. Als Afrodeutsche und Afrodeutscher muss man das gesehen haben. Es ist wirklich der Wahnsinn.

Ein Teil dieser Filmreihe ist von mir. Es ist genauer gesagt ein Film-Triptychon. Beispielsweise sieht man in der Mitte des Filmmaterials Szenen, in denen unterschiedliche Rassisten mich anpöbeln. Der Zuschauer ist dabei volle Kanne mittendrin in dieser Anpöbelung gegen mich und es wird hier absolut gnadenlos hintereinander weg geschnitten.

Die Statements der Rassisten sind unterirdisch, eines ist schlimmer als das andere. Die Videoinstallation ist dabei so aufgebaut, dass man mich auch rechts im Raum auf der einen Wandseite sieht und links gegenüber auf der anderen Wandseite einen Aussteiger, der noch ein bisschen wie ein Nazi aussieht, mit Glatze und weiteren Erkennungsmerkmalen. Während nun in der Mitte die Anpöbelungen losgehen, nähren auf den Aussenwänden der Aussteiger und ich uns langsam einander an.

Und meine zentrale Frage an den Zuschauer und Gast, der dort ins Museum geht, ist: “Auf was konzentrierst du dich? Auf die Pöbeleien oder darauf, dass Menschen doch zusammen kommen können?”

Und genau das ist der Motor meiner ganzen Arbeit: Ich glaube fest daran, dass Menschen zusammenkommen können. Das kann man dort in der Ausstellung tatsächlich überprüfen. Man kann sich selbst überprüfen. Dieses visuelle Kunstwerk trägt den Namen Help me – Chapter one.

Wow, wirklich spannend und sehenswert!

Ja, wir kriegen permanent Dinge, die mit Rassismus und abscheulicher Menschenfeindlichkeit zu tun haben, um die Ohren gehauen. Permanent. Und dann ist die Frage: Bleibe ich jetzt bei dieser Negativität, ziehe mir das einfach so rein und werde wütend, oder aber sage ich: Nein, ich schaffe das, mich fest zu konzentrieren auf das Positive. Denn wenn wir genau das nicht schaffen als Gesellschaft, dann ist es das meiner Ansicht nach gewesen.

Eine wunderbare Überleitung zu meiner nächsten Frage. Wir von MyUrbanology arbeiten daran Ressourcen für unsere Community zu bündeln und für Black People und People of Color noch sichtbarer zu machen. In welchen Bereichen der Gesellschaft wünscht Du Dir mehr Sichtbarkeit, mehr Angebote, mehr Empowerment für Schwarze Menschen? Welche Hürden siehst Du? Wie können wir diese überwinden?

Es ist ja so, ich glaube 19% der deutschen Gesellschaft haben Migrationsgeschichte. Ich sage jetzt bewusst nicht Migrationshintergrund, weil ein Hintergrund ist was scheußliches, aber eine Geschichte zu haben, ist etwas sehr positives. Diese 19% sieht man allerdings nicht. Es gibt dazu Forschung die zeigt, dass gerade einmal 2% dieser Menschen in den Medien gezeigt werden und abbilden, was Deutschland anscheinend ist. An dieser Stelle ist schon mal der Wurm drin, denn es sind einfach viel mehr als wir es in den Medien sehen. Das heißt ganz einfach, People of Color müssen viel mehr gezeigt werden.

Und ich finde es sehr wichtig, dass wir von diesem Trommelgruppen-Niveau wegkommen, was leider einfach immer noch auf viel zu vielen Ebenen medial zu sehen ist. So nach dem Motto “‘komm, wir machen was für Integration, lass uns doch eine Trommelgruppe einladen”. Tatsächlich finde ich sollten wir gerade viel eher Inhalte auf der intellektuellen Schiene stärker fördern. Denn schließlich leben wir in Zeiten, in denen es einen amerikanischen Präsidenten gegeben hat, der auch einen dunklen Hautton hat. Zudem werden andere Länder, in denen Menschen mit einem dunklen Hautton leben, wirtschaftlich zunehmend stärker. So etwas sollten wir zeigen. Das würde ich mir wünschen, auch eine Sichtbarmachung der intellektuellen Ebene. Damit die Leute die Angst verlieren. Klar hat man vor jemandem eher Angst, der Hilfe braucht, der krank ist, eben vor dem was wir oft in den Medien zeigen. Aber man hat vielleicht nicht so sehr vor jemandem Angst, der intellektuell ist, der versteht wo es lang geht, der sich selbst durchbringen kann. Solche Inhalte würden auf jeden Fall eine ganze Menge helfen.

Das heißt, du plädierst für mehr Sichtbarkeit und Repräsentation?

Ja absolut, überall, auf allen Ebenen, auch auf der deutschen Staatsebene. Ich war mal im Auswärtigen Amt zu einer Konferenz eingeladen, auf der die gesamten Botschafter der afrikanischen Staaten versammelt waren, von Ghana und Burkina Faso bis Südafrika. Und glaubst Du etwa, dass es dort einen einzigen Repräsentanten des deutschen Staates gab, der einen dunklen Hautton hatte? Dabei bietet sich doch genau an dieser Stelle die absolut tollste Chance. Hier entsteht quasi der Verknüpfungspunkt zwischen Deutschland und Ghana. Dann setz doch bitte jemanden ein, der Afrodeutsch ist und vielleicht sogar Wurzeln in Ghana hat. Was könnte dieser Mensch alles bewirken. So etwas fände ich total klasse!

Liebe Mo verrat uns zum Abschluss doch bitte noch wo genau wir mehr von Dir lesen, hören und sehen können?

Mich würde es natürlich total freuen, wenn die Menschen Spass an meinem Buch haben. Es heisst Mo und die Arier: allein unter Rassisten und Ariern und ist im Fischer Verlag erschienen. Es war schon in der Spiegel Bestsellerliste zweimal unter den ersten 20 Titeln, immerhin, darüber freue ich mich sehr.

Und natürlich freue ich mich noch mehr, wenn die Menschen es lesen und meine Mission und meine Message erkennen. Dass es eben sehr sehr wichtig ist, dass man auf Menschen zugeht. Das heisst auch auf Menschen die vielleicht abgeneigt sind, die einen auch anpöbeln. Es gibt gewisse Situationen in denen wir tatsächlich auch dann ins Gespräch kommen können, wenn die Menschen Rassisten sind. Wenn sich die Chance dazu ergibt, sollte man sie einfach wahrnehmen, gerade weil diese Menschen meist sehr stark in ihren sozialen Echokammern unterwegs sind, innerhalb derer sie permanent in ihrem Haß bestärkt werden. Sie da rauszuholen wird immer schwieriger, je mehr es von ihnen gibt. Wenn wir jetzt beispielsweise sagen ”Oh, da gibt es jemanden unter meinen Facebook Freunden mit dem bin ich zur Schule gegangen und jetzt ist er bei der AfD” und ich einfach mit dem Finger einen kurzen Klick mache und die Person dann aus meiner Freundesliste weg ist, dann ist diese Person zwar auf Facebook für mich weg, aber im selben Moment ist sie noch einen Tick tiefer in eine Szene und eine Echokammer gerutscht, die oft rassistisch ist.

Das dürfen wir nicht zulassen. Ich glaube das Wichtige ist: Wir sind gefragt! Wir denken immer, wir müssen an den anderen rumkratzen und die verändern. Ja, darum geht es glaube ich auch, aber das schafft man nicht. Genauso wenig wie man es schafft den Bruder zu Hause zu verändern. Aber du schaffst es, dich selbst zu verändern, Deine eigenen Handlungen und selbst zu sagen: Ich bleibe bei meiner Menschenliebe.

Selbst wenn ein Rassist vor mir steht. Auch dann bleibe ich bei meiner Menschenliebe und lasse mich nicht aus der Fassung bringen. Das ist die Kraft. Ich glaube das ist eine Energie, die einfach so in die Welt hinein hüpft. Diese Energie wünsche ich uns allen. Denn das ist einfach die allergrößte und allerschönste Kraft. Du kannst auf deine eigene Energie eher Vertrauen als darauf, dass der andere sich verändert. Also ist es zentral bei seiner eigenen Energie zu bleiben.

Vielleicht ist es sogar die Grundlage dafür Vertrauen im Außen zu finden, um Vertrauen im Innern zu finden?

Klar. Da sind wir absolut gefordert. An diesem Punkt sind wir noch nicht so weit. Wir sind immer noch auf der Schiene einfach nur Nazis raus zu brüllen. Wir haben noch nicht kapiert, dass es an uns liegt. Genau in solchen fiesen Momenten, in denen jemand an dir vorbeiläuft. Was man ja so kennt als Afrodeutsche, wenn dann jemand sagt: “Uh, und jetzt wirds dunkel”. In so einem Moment könntest du natürlich ausrasten. Aber du kannst die Sache auch ganz anders sehen. Du kannst auch einfach runterkommen und bei deiner Menschenwürde und bei deiner Menschenliebe bleiben. Und vielleicht diesen Menschen etwas fragen. Das ist vielleicht sogar der größte Trick: Einfach keine Diskussion anfangen, sondern Fragen stellen. Dabei lernt man selber was dazu, man wird größer und wächst. Diese ganzen Treffen mit den Rassisten, das hat wirklich dazu geführt, dass ich einfach stärker geworden bin, mehr gerade ausgehe und sicherer bin. Ich bin einfach enorm gewachsen daran.

Liebe Mo, tausend Dank für dieses tolle Gespräch.

Ja. Danke auch. Toll was Ihr da macht.


Wir stellen Mos Buch „Mo und die Arier hier auf MyUrbanology vor. Hier gehts zur Buchempfehlung


Interview geführt von: Alina Hodzode

Schnitt: Alina Hodzode

Transkript: Alina Hodzode, Constantin Schöttle