Vitamin D und Deutschlands Wintersonne auf unserer Haut

Huhu ihr Lieben, heute gibt es zum Einstieg ein paar Hintergrundinformationen zu Vitamin D. Ein immer wieder gern gefragtes Thema und relevant für unsere BIPOC-Kinder und auch uns.
Wenn Euch die ausführliche, etwas studienlastige Diskussion zuviel ist, dann scrollt gerne runter zur Zusammenfassung!

Bedeutung Vitamin D:

Vitamin D nimmt eine Schlüsselfunktion in unserem Knochenstoffwechsel ein. Neben der Knochengesundheit spielt das „Sonnenhormon“ bei Immunprozessen und den damit zahlreich assoziierten Krankheiten eine wichtige Rolle, zudem hat es Auswirkungen auf unser Herz-Kreislauf-, Nerven-, und Reproduktionssystem.

Mangelerscheinungen würden bei Kindern insbesondere als Knochenerweichung, – verformung/ Rachitis in Erscheinung treten.
Bis zu etwa 90 % unseres täglichen Vitamin D- Bedarfs können durch ausreichende Sonneneinstrahlung abgedeckt werden, da unserer Körper sonnenlichtabhängig die Eigenherstellung der aktiven Vitaminform gewährleisten kann.

Bis 10 % des Tagesbedarfs kann durch vitaminreiche Nahrung (insbesondere fetter Fisch wie Hering, Makrele, Aal, Lachs) zugeführt werden.
Nun reicht die Sonneneinstrahlung in Deutschlands Breitengraden (nördlich 48°-54°) im Winter bei weitem nicht aus, um eine hinreichende Vitamin-Eigenproduktion zu sichern.
Stattdessen nun wintertäglich kiloweise fetten Fisch zu verzehren klingt weder sehr verlockend noch gesundheitlich besonders förderlich.

Zudem zeichnet unsere pigmentierte Haut evolutionsbedingt u.a. eine erhöhte Aktivität der Melanin produzierenden Melanozyten aus. Melanin absorbiert UV-Strahlung und schwächt sie somit ab, was neben Vorteilen aber eben auch Auswirkungen auf die Vitamin D-Herstellung hat.
Studienlage und Empfehlungen:


In den Leitlinien der deutschen kinderheilkundlichen Fachgesellschaften (Konsensuspapier der DGKJ e.V. und der DGKED e.V. 2018) ist man sich einig darüber, dass Säuglinge bis zu ein bis eineinhalb Jahre (bis zum zweiten Frühsommer) täglich eine orale Vitamin D- Substitution von 400- 500 IE erhalten sollen. Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter
1500 g sollten in den ersten Lebensmonaten 800- 1000 IE erhalten.
Immer wieder wurde jedoch in den letzten Jahren diskutiert, ob und in welchem Setting eine Vitamin-Substitution für Kinder ab 2 Jahre und ältere, heranwachsende Kinder notwendig ist.


Die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) belegte zwar, dass nur etwas mehr als 1/3 aller Kinder einen Vitamin D- Serumwert in der gewünschten Zielkonzentration zeigt. Und dazu passend zeigten sich auch in anderen europäischen Ländern, z.B. in einer Studie aus Manchester, für Heranwachsende von 12- 15
Jahren, ähnliche Ergebnisse eines erniedrigten Serumwertes.
Vitamin D- Mangelerkrankungen wie Rachitis/ Knochenerweichung traten jedoch bei sonst gesunden Kindern ohne weitere Risikofaktoren trotz der erniedrigten Blutwerte verhältnismäßig selten auf.
So einigt man sich im o.g. Konsensuspapier darauf, gesunde Kinder ab 2 Jahren ohne Risikofaktoren nicht prophylaktisch mit Vitamin D zu substituieren, auch den Mehrwert einer Blutentnahme zur Wertbestimmung sieht man hier nicht.


Als Risikofaktoren für das Auftreten eines relevanten Vitaminmangels werden hier von den Fachgesellschaften benannt: Mangelernährung, mangelnde Sonnenexposition, das Vorliegen bestimmter chronischer Erkrankungen, insbesondere der Niere, der Leber oder
des Darms, Einnahme von Medikamenten, die den Knochenstoffwechsel beeinflussen, vermehrte Hautpigmentierung).

Für diese Risikogruppen erachtet die DGKJ e.V. sowie die DGKED e.V. insbesondere in den Wintermonaten, die prophylaktische Vitamin D- Substitution von 500- 1000 IE täglich als sinnvoll.
Das Review-Paper des Journal of Adolescent Health empfiehlt hier für Heranwachsende von 10- 19 Jahren sogar, je nach Risikokonstellation, eine Substitution bis zu 4000 IE täglich.
Bei bereits klinisch manifesten Mangelerscheinungen befürworten beide Paper ggf. eine therapeutische Dosiserhöhung.


Besonderheiten/Ausblick:
Als ein Risikofaktor wurde in vielen Studien die vermehrte Hautpigmentierung benannt, wie es bei unseren BIPOC Kindern und uns ja der Fall ist. Vor diesem Hintergrund fand ich zwei
Aspekte total spannend:
1. Gibt es Studien (z.B. Photomedical and Photobiological Science, 2019, Datta, P. et al.), die der PigmentierungsGENETIK einen größeren Stellenwert einräumen als dem PHÄNOTYP, also dem tatsächlich in Erscheinung tretendem Hauttyp. Dies wäre vor
allem auch vor dem Hintergrund interessant und gut zu wissen, dass somit auch unsere weiß gelesenen Kinder in die Risikogruppe fallen und ebenfalls eine Vitamin D- Prophylaxe bekommen sollten.
2. Weiterhin finde ich eine amerikanische Studie sehr interessant (New England Journal, 2013, Powe, C.E. et al.), die das Vitamin D bindende Protein (VDBP) näher untersuchte und Unterschiede in dessen Bindungsstärke zugunsten der Schwarzen amerikanischen Bevölkerung fand und eine höhere Bioverfügbarkeit ( Wirksamkeit im Organismus) vermutete.
Dies könnte bedeuten, dass die Zielkonzentration von Vitamin D im Serum
Schwarzer Menschen niedriger liegen dürfte, ohne das ein Mangel zu befürchten wäre. Die o.g. Studie war methodisch jedoch noch nicht ausgereift. Weitere Studien wären hier abzuwarten.

Bewertung:
Aufgrund der seltenen Manifestation von Vitamin D- Mangelerkrankungen sowie einer etwas wackeligen Aussagekraft des Serumspiegels für Vitamin D gibt es jetzt vielleicht Einige unter Euch, die die Notwendigkeit einer Vitamin D- Prophylaxe verständlicherweise in Frage stellen.
Aus meiner Sicht macht die Vitamin-Substitution laut der genannten Empfehlungen vorerst Sinn. Eine Anpassung bzw. Änderung aufgrund neuer Studien bleibt abzuwarten. Bis dahin ist die Gabe von Vitamin D in einem recht breiten Dosisbereich wie angegeben als gerechtfertigt und sicher zu bewerten.
Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass jetzt Keiner noch heute panisch in die Notfallapotheke rennen soll oder sich Vorwürfe machen muss, bisher den älteren Kindern kein Vitamin D mehr gegeben zu haben. Auch ich werde nach diesem Artikel in den nächsten Tagen erstmal wieder los und eine Tabletten-Packung für meine Kiddies kaufen… 😉
Die Vitamin D- Tabletten könnt ihr derzeit übrigens für Kinder ab 2 Jahren ohne nachgewiesene Mangelerscheinung leider nicht über Kassenrezept erhalten. Im Einzelfall würde ich aber immer bei Eurer Krankenkasse nachfragen, ob ihr die Belege einreichen könnt und die Kosten erstattet bekommt.

Zusammenfassung:
Es gibt keine ausreichende Sonneneinstrahlung im Winter in Deutschland.
Unser Vitamin D-Bedarf ist nur zu etwa 10 % über die Nahrung zu decken.
Empfehlungen:

Säuglinge sollten bis zu ein bis eineinhalb Jahre täglich eine orale Vitamin D- Substitution von 400- 500 IE erhalten.

Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g sollten in den ersten Lebensmonaten täglich 800- 1000 IE erhalten.

Gesunde BIPOC Kinder, auch weiß gelesene(!), ab 2 Jahren sollten insbesondere in den Wintermonaten, die prophylaktische Vitamin D- Substitution von täglich 500- 1000 IE täglich erhalten,
Dosisanpassung bei weiteren Risikofaktoren und je nach Alter.

Die Gabe von Vitamin D ist im genannten Dosisbereich gerechtfertigt und sicher.

Wie sieht es bei euch aus? Nehmt ihr Vitamin D? Gebt ihr es euren Kids?

Denkt ihr nun darüber nach? Habt ihr darüber schon mit euren Arzt*innen gesprochen?

Weitere Themenwünsche:
Weitere gern behandelte Themen sind meiner Erfahrung nach Bauchschmerzen/ Verstopfung, Einnässen, Haut und Allergien.

Jetzt die Frage an Euch: Welche Topics interessieren Euch?! Bitte kommentiert gerne und benennt Eure Wünsche.

Einen schönen Tag Euch noch und bis bald,
Eure Nadja

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8 Comments

  1. says: Anissa

    Was für ein schöner und aufschlussreicher Artikel! Vielen Dank dafür, liebe Nadja! Ich habe gerade angefangen selber Vitamin D zu nehmen und es würde mich interessieren, wie viel lE du für Erwachsene empfehlen würdest.

  2. says: Anne

    Danke für deinen Beitrag, finde das Thema unglaublich spannend – gerade in Bezug auf weißgelesene Kinder☺️

  3. says: Nadja Michaelsen

    @Anissa Schön, dass Dir der Artikel gefällt. Für gesunde BIPOC Erwachsene würde ich 1500- 2000 IE tgl.empfehlen, bitte besprich das aber ggf mit deinem Arzt, wenn zB ein nachgewiesener Mangel vorliegt oder du Risiken mitbringst. Von der tgl. Einnahme hochdosierter Präparate ist ohne ärztl.Rücksprache abzusehen. Viel Erfolg:-)

  4. says: Nadja Michaelsen

    @ Anne Ja, nicht wahr? Es ist wirklich spannend, auch, was zukünftige Studien noch ergeben werden. LG!

  5. says: Maxi

    Auch ich möchte mich bedanken. Mein Sohn hat ungefähr bis zu seinem 2. Geburtstag Vitamin D bekommen. Danach hatte ich mich kurz belesen, das Thema aber wieder aus den Augen verloren. Nun nehme ich Deinen Artikel zum Anlass für unsere Familie doch wieder entsprechende Tropfen zu besorgen.

  6. says: Dana

    Danke für diesen Artikel und vor allem die Dosierempfehlungen! Wir haben schon vor einigen Jahren einen Bluttest unserer Kinder machen lassen und festgestellt, dass sie einen deutlich zu niedrigen Spiegel an Vitamin D hatten.
    Wir haben auch festgestellt, dass bes. unser ältester Sohn, der u.a. an Infektasthma leidet, deutlich besser (dh mit viel weniger Bronchienerkrankungen bzw. mit milderem, nicht KH-pflichtigem Verlauf) durch den Winter kommt, wenn er regelmäßig Vitamin D nimmt.
    Allerdings waren wir uns immer bezüglich der Dosierung unsicher, da unser Kinderarzt sich nur sehr schwammig geäußert hat.
    Das hat sich nun gelöst- Danke!

  7. says: Julischka

    Hallo Nadja. Super interessanter Artikel. Meine Kinder kriegen nun auch schon seit einigen Jahren kein Vitamin D mehr. Ich müsste es kaufen und die empfohlene Dosis von 500-1000 iE in den Wintermonaten übersteigt, wenigstens bei 1000iE doch vielleicht auch die unbedenkliche Dosis. Da ja auch die Spiegelkontrolle nicht übernommen oder als sinnvoll und gerechtfertigt erachtet wird ( auch nicht für unsere BIPOC Kids) bleibt die Frage offen, ob eine Überdosierung in Einzelfällen oder gar generell möglich wäre und ob die Selbstmedikation hier nicht doch auch Risiken birgt?
    Insgesamt hat mich dein Artikel aber mal wieder drauf gebracht, dass auch weiss gelesene Kinder das Erbe ihrer Vorfahren und somit ggf einige ethnische Prädispositionen in sich tragen. Vielen Dank für diesen Reminder!

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